Impressum

Taiwans Nationale Krankenversicherung: ein Modell für die allgemeine Gesundheitsversorgung
09.05.2018. Dr. Chen Shih-Chung
Minister für Gesundheit und Soziales
Republik China (Taiwan)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert ihre Mitgliedstaaten bereits seit Jahren dazu auf, Maßnahmen zu ergreifen, um bis 2030 eine allgemeine Gesundheitsversorgung für alle zu erreichen. Obwohl Taiwan kein Mitglied der WHO ist, bieten wir seit 1995 den 23 Millionen Bürgerinnen und Bürgern unserer Insel eine allgemeine Gesundheitsversorgung.
Taiwans Initiative zur Schaffung einer Nationalen Krankenversicherung (National Health Insurance; NHI) begann mit der Zusammenführung von bestehenden Versicherungssystemen für Arbeiter, Bauern und Regierungsangestellte, die allerdings nur die Hälfte die Bevölkerung abdeckten. Dieses System wurde dann erweitert, um von Geburt an allen Einwohnern, unabhängig von Alter, finanziellen Möglichkeiten oder Beschäftigungsstatus, die gleiche Gesundheitsversorgung zu bieten. Darüber hinaus wird allen Ausländern, die legal in Taiwan arbeiten oder wohnen, die gleiche Versorgung gewährt.

Die NHI ist ein Programm der Regierung, das auf einem Einzelzahlermodell basiert. Die Lebenserwartung in Taiwan stieg seit Einführung der NHI auf das Niveau in den wichtigsten OECD-Ländern: Frauen leben im Durchschnitt 83,4 Jahre und Männer 76,8. Dennoch sind die Kosten für das Gesundheitswesen in Taiwan mit 1.430 US-Dollar pro Kopf und Jahr, was einem Anteil von nur 6,3 % des BIP im Jahr 2016 entspricht, deutlich niedriger als in den hoch entwickelten Ländern in Europa und Nordamerika. Die Verwaltungskosten machen weniger als ein Prozent der Gesamtkosten aus und die öffentliche Zufriedenheit bleibt mit 85,8 Prozent im Jahr 2017 weiterhin hoch.

Taiwans Gesundheitssystem wurde im Laufe der letzten mehr als 20 Jahre mehrfach reformiert, um angesichts von Verschiebungen in der sozio-ökonomischen Landschaft seine Tragfähigkeit zu gewährleisten. Durch die Einführung eines Systems von Zahlungen im Rahmen eines Gesamtbudgets neben Gebührenerstattungen konnte der jährliche Anstieg der Gesundheitsausgaben seit 2003 wirksam von 12 Prozent auf 5 Prozent reduziert werden. Die Beitragsberechnung wurde ebenfalls verändert, von einer allein auf der Lohn- und Gehaltsabrechnung basierenden Berechnung zur Einführung von Zusatzbeiträgen bei Kapitalgewinnen, was zu einem Überschuss in den Kassen der Nationalen Krankenversicherung geführt hat.

Darüber hinaus hat die Migration der Daten des NHI-Informations-Systems in eine Cloud den Zugang zu medizinischen Informationen für Krankenhäuser, Kliniken und Ärzte stark vereinfacht. Wir begrüßen es, wenn Krankenhäuser nach einer Computertomographie (CT) oder Magnetresonanz-Tomographie (MRT) die Scans hochladen, sodass sie für Folgekonsultationen abgerufen werden können. Ein personalisierter Cloud-basierter Dienst namens „Meine Gesundheits-Bank“ ermöglicht Patienten, ihre medizinischen Unterlagen jederzeit zu einzusehen.

Die Regierung hat eine Vielzahl von Maßnahmen zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichbehandlung für benachteiligte Gruppen vorgenommen. Für Haushalte mit niedrigem Einkommen und an der Armutsgrenze sowie Arbeitslose sind Beihilfen zu den Beiträgen vorgesehen. Wir haben auch die Erbringung von Dienstleistungen in Gegenden mit begrenzten Ressourcen im Gesundheitswesen verbessert und ein System der integrierten medizinischen Versorgung (Integrated Delivery System; IDS) in abgelegenen Gebieten implementiert, um dort die medizinische Kapazität und Qualität zu fördern. Außerdem wurden die staatlichen Fördermittel für präventive Gesundheitsleistungen für die indigene Bevölkerung erhöht.

In einer globalisierten Welt ist es unmöglich, dass ein Land alle Herausforderungen im Gesundheitswesen aus eigener Anstrengung meistert. Nur durch interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit können wir ein globales Gesundheitssystem aufbauen, das konsequent und kostengünstig den Bedürfnissen der Bürger der Welt in Bezug auf das Gesundheitswesen entspricht und das ultimative Ziel der WHO – Gesundheit für alle – verwirklicht.

Taiwan verfügt über sehr viel Erfahrung darin, ein allgemeines Krankenversicherungssystem aufzubauen und zu unterhalten, vom Leistungsanbieter-Management bis zur Finanzierung und zum Umgang mit sozio-ökonomischem Wandel. Wir sind überzeugt, dass Taiwans Gesundheitssystem als ein Modell für andere Länder dienen kann. Taiwan sollte bei der Schaffung eines stabilen globalen Gesundheitsnetzwerks eine konstruktive Rolle spielen; und der beste Weg, unsere Erfahrungen mit anderen Ländern zu teilen, ist durch eine Einbeziehung in die Weltgesundheitsversammlung (WHA) und die WHO.

Es ist bedauerlich, dass aufgrund politischer Obstruktion Taiwan im vergangenen Jahr eine Einladung als Beobachter zur 70. WHA verweigert wurde. Die WHO hat es nicht nur versäumt, sich an ihre Verfassung zu halten, sondern hat auch die Appelle vieler Nationen und zahlreicher medizinischer Fachverbände auf der ganzen Welt für eine Einbeziehung Taiwans ignoriert. Trotzdem bleibt Taiwan bestrebt, regionale und globale Netzwerke zur Krankheitsprävention zu stärken und andere Länder angesichts verschiedener Herausforderungen bei der Gesundheitsversorgung zu unterstützen.

Vor diesem Hintergrund strebt Taiwan in diesem Jahr im Rahmen der weltweiten Bemühungen, die Vision der WHO eines Netzes für eine nahtlose globale Krankheitsprävention zu realisieren, nach einer Teilnahme an der 71. WHA auf eine professionelle und pragmatische Weise. Dies ist auch im Einklang mit dem UN-Ziel 3 für nachhaltige Entwicklung bis 2030: Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern.

Deshalb bitten wir die WHO und ihr nahestehende Parteien nachdrücklich, Taiwans langjährige Beiträge zur weltweiten Förderung der menschlichen Gesundheit anzuerkennen sowie die Bedeutung und die Legitimität einer Teilnahme Taiwans als Beobachter an der diesjährigen WHA. Denn wir sind überzeugt: Taiwan kann dabei helfen, das Ziel Gesundheit für alle zu erreichen.


Drucken...zurück
IMPRESSUM