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Fan Chou - Wem gehört Taiwan

"Wem gehört Taiwan"

Fan Chou, Wem gehört Taiwan? (Taiwan shi sheide? 台灣是誰的?) Aus dem Chinesischen übersetzt von Peter Busch. Bochum: Westdeutscher Universitätsverlag (Reihe Sinica, Band 30) 2014
278 Seiten, ISBN: 978-3899663-90-7, Preis: 14,90 Euro.

Rezension von Dr. Thomas Weyrauch

Bei der Betrachtung Taiwans als politisches Gebilde stehen einerseits die zwischenstaatlichen Verhältnisse der Republik China zur Volksrepublik China, andererseits die Auseinandersetzung zwischen den beiden großen Rivalen der Nationalpartei Chinas, Zhongguo Guomindang, und der Demokratischen Fortschrittspartei, Minzhu Jinbudang, im Vordergrund. Fan Chou, Unternehmer und Kolumnist einer Wirtschaftszeitung, löst sich von diesen Denkschablonen.

Kennt man die aus taiwanisch-nativistischer Sichtweise verfassten Bücher, wie etwa „Is Taiwan Chinese?“ von Hsueh Hua-yuan und anderen, so vermutet man hinter Fans Titel einen ähnlichen Inhalt. Dem ist jedoch nicht so: Jenseits von Blau und Grün, d.h. von gesamtchinesischer und taiwanischer Orientierung, betrachtet Fan nämlich das Geschehen auf und um die Insel unabhängig von Parteiengezänk oder politischem Tagesgeschäft. Auch mit anderen Buchpublikationen provoziert Fan seine Leser durch Titel wie „Wem gehört China?“ und „Wird Taiwan sterben? Ansichten eines Marsmenschen“.

In „Wem gehört Taiwan?“ gliedert Fan seine Essays in die Kategorien „Wer bin ich?“, „Woher komme ich?“ sowie „Wo befinde ich mich jetzt?“ und beantwortet als Überblick, dass Taiwan nicht identisch mit dem Festland sei, ein demokratisches System wie auch eine Bürgergesellschaft besitze und über seine Zukunft selbst bestimmen wolle. Fan verweist zugleich auf die überwiegend festlandchinesischen Wurzeln der Gesellschaft auf Taiwan und konstatiert, Taiwan habe zwar eine schwache internationale Stellung, sei aber für einige Intellektuelle mit historischem Sachverstand aus der Volksrepublik China eine Blaupause für die Entwicklung ihres Landes. Daraus schließt Fan ganz unbescheiden, Taiwan könne angesichts der wachsenden Bedeutung Chinas die Welt beeinflussen (S. 32 f.).

Mangelndes Geschichtsbewusstsein beider großen Parteien Taiwans führe indes dazu, dass sich seine Bewohner in einem Käfig der Zwischenstaatlichkeit befänden. Dieser „lebensgefährliche Mangel“ komme am deutlichsten in der Parole der Demokratischen Fortschrittspartei zum Ausdruck, wonach „Taiwanesen keine Chinesen sind“ – und darin, dass es die Nationalpartei nicht wage, dieser Sichtweise energisch zu widersprechen (S. 231). Schon an anderer Stelle hatte der Autor in diesem Zusammenhang der Guomindang früherer Jahre eine Lanze gebrochen: „Wenn die Befürworter der Unabhängigkeit Taiwans sich über das „diktatorische System Chiang Kai-sheks“ ereifern und mit keinem Wort darauf eingehen, dass so manche Intellektuelle, die selbst im Gefolge der Kuomintang nach Taiwan gekommen waren, substantielle Beiträge und sogar Opfer für die hiesige demokratische Entwicklung erbracht haben, dann verhalten sie sich schlicht scheinheilig“ (S. 49, 179 ff.).

Fan Chou wirft den beiden führenden Parteien zudem vor, sie ließen sich von der Volksrepublik China lenken: das grüne Lager begreife nicht, dass es nach Belieben von Beijing manipuliert werde, um die Bevölkerung Taiwans in steter Sorge zu halten, während die Guomindang nur eine Nebenrolle spiele und unter dem Druck dieser Sorge näher an Beijing heranrücke. Fans Appell an Oppositionsführerin Cai Yingwen und Präsident Ma Yingjiu lautet deshalb: „Hört auf, nach der Pfeife Beijings zu tanzen, befreit euch vom Gespenst der Geschichte, und strebt in euren politischen Programmen eine apolitische Existenzform an, die Taiwan weltweite Anerkennung verschafft!“ (S. 239) Damit meint Fan Diskussionen um den Status Taiwans, von dem er eingangs schrieb: „Vielleicht ist es ein ironisches Geschenk des Himmels, dass Taiwan international so einen schwachen Stand hat. Vielleicht wartet die Welt ja nur auf ein Land, das im juristischen Sinne gar keines ist, und dessen Selbstverständnis darin besteht, dass es für sich definiert hat, welche Art von Menschen es hervorbringen will“ (S. 22).

Den Parteien gelinge es derzeit nicht, Taiwan dringend benötigte Zukunftsvisionen zu vermitteln. Dabei sollten sie die Dichotomie von Vereinigung und Unabhängigkeit überwinden. Die verengte Sichtweise helfe nämlich nur kurzfristig Wahlen zu gewinnen, füge Taiwan hingegen langfristig einen irreparablen Schaden zu (S. 151). Während Fan diese Überzeugung erlangte, konnte nicht ahnen, dass er sie bald mit einem Großteil der Bevölkerung und parteilosen Kandidaten während des Kommunalwahlkampfes im November und in der Folgezeit teilen würde.

Eine Vision, welche Fan den Lesern als Alternative anbietet, ist die Politik eines chinesischen Werteraumes (S. 165 ff., 193), dessen Eigenschaften nicht mit Begriffen wie Souveränität, Nation und Ethnizismus deckungsgleich sind. In Gegenteil: derartige Vorstellungen stammten nicht aus dem Kulturraum eines Greater China, sondern aus einem Europa des 17. Jahrhunderts. Mit der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges durch den Westfälischen Frieden habe Europa einen „westfälischen Geist“ entwickelt, dem ein „Westfälisches System“ entwachsen sei. Die Welt benötige aber ein neues Paradigma (S. 211 f.). Stattdessen ziehe sich Taiwan der westfälischen Logik entsprechend selbst in den „Morast der „nationalen Souveränität“, in dem es gezwungen sei, sich zwischen Vereinigung und Unabhängigkeit zu entscheiden. Schlagworte, wie „Ein Land, zwei Systeme“, „Ein China“ oder „Taiwans ungeklärter Status“ basierten auf dieser westfälischen Logik, dessen Schwachstellen immer stärker zutage träten (S. 214, 220). Im Falle Chinas entspreche sie nämlich nicht den Traditionen. Historisch gesehen sei China, mit Ausnahme der jüngsten 100 Jahre, immer ein zivilisationsorientiertes Land und kein Territorialstaat. Aus diesem Grund sei ein Sieg Chinas über Taiwan gleichbedeutend mit einer schweren Niederlage der chinesischen Zivilisation. Die derzeit allein herrschende Kommunistische Partei Chinas müsse verstehen, dass sie nur eine bestimmte historische Rolle spiele (S. 223 f.).

Denn was hat Taiwan nun einmal, was man auf dem chinesischen Festland vergeblich sucht? Fan findet sie in der pingmin wenhua (平民文化), in der Kultur der Durchschnittsbürger jener Insel, die der Übersetzer Peter Busch mit „Humankultur“ (S. 19) übersetzt. Im Gegensatz zum Westen nicht vorwiegend von der Mittelschicht getragen, auch wenn diese Teilhabe am poltischen Geschehen besitzt, genieße Taiwans Bevölkerung zwar freie, allgemeine Wahlen, doch besitze sie „die Gabe, keiner Form von Autorität jemals ganz über den Weg zu trauen. Sie verhalten sich gegenüber jeder Regierung oder Macht immer etwas reserviert, sie verbergen immer einen Teil ihres Privatlebens vor der Regierung und vor dem Gesetz und erhalten sich damit ein Stück Souveränität über ihr Schicksal.“ (S. 244 ff.)

Die Schwächen von Fans erfrischender Arbeit liegen in einigen verschwommenen Ratschlägen für die politisch Verantwortlichen. Wenig konkret wie auch wenig hilfreich ist etwa die Idee, in Taiwan solle man sich keine Gedanken über den Status machen. Dies hieße nämlich praktisch, ein Anspruchsvakuum zu schaffen und alle Entscheidungen zur Zukunft der Insel in die Hände der Volksrepublik China zu legen, welche bestimmt nicht von diesem Dogma ablässt.

Weiterhin ist es zwar für die Leser leichter, komplexe Zustände durch Vereinfachungen vermittelt zu bekommen, doch geht es in einigen Fällen an der Realität vorbei, von „der“ Nationalpartei und „der“ Demokratischen Fortschrittspartei zu schreiben, da es sich bei beiden dominierenden Parteien um höchst heterogene Gebilde mit internen Auseinandersetzungen handelt. Doch ist in der Gesamtschau das Werk den Lesern uneingeschränkt zu empfehlen.

In diesem Zusammenhang sind es die Meriten des Übersetzers Peter Busch, der dem deutschsprachigen Leser nicht nur semantische Feinheiten vermittelt, sondern ihm zugleich in Vorbemerkungen Begriffe erläutert und den Autor vorstellt. Dies trägt erheblich zur Qualität der deutschen Ausgabe bei. Die Herausgabe der gesamten Arbeit durch den Westdeutschen Universitätsverlag ist gleichfalls verdienstvoll und lässt auf weitere Texte aus der Feder von Fan Chou hoffen.

(Besprochen von Dr. Thomas Weyrauch)Drucken...
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